Stehende Ovationen in der vollbesetzen Kirche – Kirchenkonzert 2002
Seit 80 Jahren klingen die Saiten in ihren zarten Klangfarben, rühren auch an das Innerste der Hörer und machen sich damit stets neue Freunde. So hat der Mandolinenverein acht Jahrzehnte nicht nur überdauert, sondern sich entwickelt, hat Reife erworben und Sicherheit im Organisatorischen wie im Musikalischen.
Am Sonntag präsentierte sich das gediegene Auenheimer Zupforchester in der voll besetzten Dorfkirche zu einem bemerkenswerten Konzert aus Anlass seines 80-jährigen Bestehens. Einen leisen Verein nannte Ortsvorsteher Müll die Zupfmusiker, leise in ihrer Musik und leise in ihrer Präsentation. Und doch setzte dieser leise Verein am Sonntag unüberhörbare Zeichen. Dafür sorgte zum einen das Auenheimer Orchester selbst, mit dem Jean-Philippe Hummel seit inzwischen 15 Jahren arbeitet und in dieser Zeit einen prägnanten Stil geformt hat. Dann war da noch der Männerchor Bodersweier, der unter der Leitung von Alexander Asberger seine Chorkultur fein geführter Stimmen ausbreitete.
Musik der Jahrhunderte hatte Hummel für sein Orchester ausgewählt. Vom Barock bis zur zeitgenössischen Literatur eines Marcel Wengler spannte sich der Bogen, eröffnet mit dessen „Canzona“ nach einem Lautensatz von Francesco de Milano. Leicht und luftig, verspielt und doch mit einer melancholischen Ernsthaftigkeit tanzt die Musik darin durch hohe helle Räume, in Schwung gehalten von einem technisch sicheren und stililstisch ausgereiften Orchester. Dieses bewies sich danach in „Chant sans Paroles“ von Peter Tschaikowsky in der Bearbeitung von Klaus Riebs und Jean-Philippe Hummel als besonders wandlungsfähig. Klaus Riebs entführt die Hörer als Primus vor dem Orchester in eine aufregende Vielfalt aus wechselnden Tempi und dynamischen Variationen.
In violine Höhen steigt das Singen der Mandolinen später in der Ouvertüre zu „Loca del Cairo“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Solistisches Klingen und nahezu brausende Akkorde des vollen Orchesters beschert dieses Stück in der Bearbeitung von Mario Mariocchi.
Die Arie „Lascia chio pianga“ der Almirena aus der Oper „Rinaldo“ von Georg Friedrich Händel wird vom Mandolinenverein präzise und mit der gebotenen Zurückhaltung begleitet. Für den Besucher aber hat sich ein Sopran erhoben, der den Atem schweigen lässt. Voll, kräftig und glänzend schwingt sich eine Stimme in den Kirchenraum, fein gebildet, sicher in allen Höhen: die Stimme einer geübten Sopranistin, wie es scheint. Doch die Augen auf – da steht mit Katrin Le Provost ein junges Mädchen, 16 Jahre alt, und bezaubert die Zuhörer mit ihrem erfrischenden Gesang.
Katrin Le Provost ist die Überraschung des Konzerts und wird rasch zu dessen Mittelpunkt. „Sebben crudele“ von Antonio Caldara singt sie mit Konzentration und Hingabe, die „Olympia“ aus „Hoffmanns Erzälungen“ von Jaques Offenbach mit Talent zur humorvollen Darstellung und die „Legende von Deidre“, ein irisches Märchen, weich und mit empfindsamer Lyrik.
Das Orchester stellt sich in diesen Szenen uneigennützig in den Dienst von Katrin Le Provost, die bescheiden, aber mit großer Freude den Applaus und zum Schluss sogar Ovationen des stehenden Publikums entgegen nimmt.
Text und Fotos: Reinhard Steinert
